ENDE
Montag, 26. Juni 2017
Silvio Dalla Torre
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Soloinstrument Kontrabass?

Nicolas Antoine Taunay (1755-1830): Concert dans les galeries du Palais Royal
Das Ansehen eines Instruments hängt sehr von
dessen
solistischer Verwendbarkeit ab. Ist aber der Kontrabass ein Soloinstrument - oder, ge-
nauer gefragt, ist der Kontrabass auch ein Solo-
instrument? Denn es ist ja völlig klar, dass das
solistische Spiel auf dem größten der Streich-
instrumente nicht dessen eigentliche Zweck-
bestimmung ist.

Die Frage muss eindeutig bejaht werden.
Allein schon die umfangreich vorhandene
Sololiteratur aus mehreren Jahrhunderten
rechtfertigt eine solche Antwort. Untersucht
man allerdings deren Qualität, muss man leider zu dem Schluss kommen, dass große Komponisten, bis auf wenige Ausnahmen, im Schaffen von solistischen Kontrabass-Kompositionen, also Konzerten, Sonaten usw. keinen besonderen Reiz gesehen haben. Es gibt keine Mozart- oder Beethoven-Sonate, kein Werk von Schubert oder Schumann, geschweige denn ein Konzert von Mendelssohn, Dvorak, Elgar oder Richard Strauss für den solistischen Kontrabass.

Also sollte man vielleicht eher fragen: Ist der Kontrabass denn überhaupt für das Solospiel geeignet? Als begeisterter Anhänger unseres Instruments möchte man sofort mit "Ja" antworten und die großen Virtuosen der Vergangenheit und deren phänomenale Erfolge anführen. Doch erstens hatten auch diese schlechte Tage und konnten an solchen wohl auch nicht so richtig überzeugen (so heißt es beispielsweise in einer Kritik aus dem Jahre 1802 über die Aufführung zweier Konzerte von Johann Matthias Sperger, dieser hätte "mehr geleistet als von einem Instrument erwartet werden kann, das nicht für das Solospiel gebaut ist") und zweitens kann die Tatsache, dass nur ein verschwindender Prozentsatz der Spieler auch solistisch glänzen konnte und kann wohl kaum als Indiz für die Solo-Tauglichkeit des Kontrabasses gewertet werden.

Warum hat beispielsweise Bottesini, der in bestem Kontakt mit den größten Komponisten seiner Zeit gestanden hat, diese nicht zum Schaffen von Kontrabass-
Sololiteratur angeregt? Vielleicht, weil er selbst gar nicht an fremden Komposi-
tionen interessiert war? (Er hat ausschließlich eigene Stücke gespielt, die er sich selbst "in die Finger" geschrieben hat.) Vielleicht auch, weil es für die Komponisten uninteressant gewesen wäre, wenn niemand außer ihm die Werke hätte spielen können? Oder weil für sie die klanglichen und musikalischen Möglichkeiten des Kontrabasses unbefriedigend waren?

Seitdem hat sich viel geändert. Bottesinis lange Zeit als nahezu unspielbar geltende Stücke gehören heute quasi zum Standard-Programm an Musik-
hochschulen. Es gibt eine Fülle von Aufnahmen fast des gesamten Kontrabass-
Solorepertoires, es werden so viele Werke wie nie zuvor geschrieben - und doch kann sich der Kontrabass auf der Konzertbühne nicht behaupten und bleibt als Soloinstrument ein Kuriosum.

Niels-Henning Ørsted Pedersen (1946-2005)
Anders im Jazz. Dort hat sich der solistische Kontrabass als absolut gleichwertiger Partner
von Saxophon, Gitarre, Trompete, Posaune und
Klavier etabliert. Das Kontrabass-Spiel im Jazz
(und übrigens auch das E-Bass-Spiel!) hat eine
fulminante Entwicklung genommen seit den
Zeiten, als man ein Bass-Solo daran erkennen
konnte, dass neben dem typischen Hi-Hat Swing
nur ein Grummeln zu hören war. Natürlich spielt
hierbei auch die moderne Schallübertragung eine
Rolle, doch in erster Linie haben sich viele Jazz-
Bassisten durch ihr enormes Können behauptet.

Was also unterscheidet das Jazz-Solospiel vom
klassischen Solospiel?

1. Der gezupfte Jazz-Bass klingt voller, "bassiger", als der gestrichene Kontrabass, der meistens etwas Nasales im Klang hat, etwas Raues, Sprödes, und dabei nur wenig Tragfähigkeit besitzt.

2. Jazz-Bassisten sind oft viel unkonventioneller in ihrer Technik. Sie orientieren sich, als improvisierende Musiker, nicht an irgendwelchen Etüden, sondern an ihrer Vorstellung und an erstklassigen Melodien. Wer z.B. Charlie Parkers "Donna Lee" spielen möchte, muss sich nach dem Ziel und nicht nach den Möglichkeiten ausrichten.

3. Der Jazz-Bass muss nicht immer unbedingt hoch spielen. Er kann sich als das präsentieren, was er ist und damit in allen Lagen glänzen.

Ich halte den klassischen Kontrabass für genauso entwicklungsfähig wie den Jazz-Bass. Dafür wird allerdings eine grundlegende Diskussion der musikalischen Anforderungen, der Spieltechnik und so mancher Gewohnheiten erforderlich sein. Viele Überlegungen hierzu finden Sie in den Rubriken Spieltechniken II und Spieltechniken III. Reaktionen auf diesen Artikel können Sie hier lesen.