ENDE
Sonntag, 24. Juni 2018
Silvio Dalla Torre
Gastbeiträge / Allerlei

Wechselbass

Beitrag von Johannes Kramp, Troisdorf

Den nebenstehend abgebildeten Kontrabass habe ich 1965 als Student von einem ungarischen Geigenprofessor in Bonn-Bad Godesberg spontan von einem auf den anderen Tag gekauft. Mich hatte als Cellist und Bassist (Amateurmusiker) gereizt, dass man dieses Instrument auch in Quintstimmung spielen kann und man damit anstatt bis zum tiefen E bis zum darunter liegenden C kommt. Wie oft hatte ich schon auf meinem normalen viersaitigen Kontrabass bei wichtigen tiefen Tönen oktavieren müssen! Mit dem neuartigen Bass brauchte man dafür nur den Hals durch den anderen, kürzeren zu ersetzen (umzuschrauben). Zwei Jahre lang habe ich mit meinem neuen Quintbass tatsächlich Kammermusik gemacht. Später hat ihn mein Bruder für einige Zeit als Quartbass gespielt. Heute steht das Instrument seit über zwanzig Jahren als "Designer-Möbelstück" in unserem Wohnzimmer.

Da ich mich als Pensionär kleiner setzen und mich von dem Instrument trennen möchte, nahm ich vor einigen Jahren Recherchen über Herkunft und Wert meines speziellen Kontrabasses auf. Ich stellte ihn eine Zeit lang in den Ausstellungsraum eines Instrumentenbauers, wovon ich mir versprach, weitere Informationen über Herkunft und Geschichte zu bekommen. Leider erfolglos, denn keiner der Kunden des Instrumentenbauers konnte etwas darüber sagen.

Alle Informationen, über die ich verfüge:

Der ungarischer Musiker Professor Mikulai, von dem ich das Instrument erwarb, ist vor seiner Übersiedlung nach Deutschland Ende der fünfziger Jahre unter anderem als Direktor eines Konservatoriums in seinem Heimatland sowie in Frankreich und im Libanon tätig gewesen. Er erklärte mir beim Kauf des Basses, dass dieser zwischen 1920 und 1940 in Ungarn entwickelt worden sei mit der Absicht, ihn als Prototyp in der Musikwelt bekannt zu machen. Dies habe sich jedoch nicht verwirklichen lassen.

In jüngster Zeit konnte ich ehemalige Schüler von Prof. Mikulai ausfindig machen, die in den Jahren vor 1965 bei ihm Geigenunterricht hatten. Leider hatte keiner von ihnen das Instrument je gesehen oder etwas darüber gehört. Nur die folgenden Hinweise und Meinungen habe ich bis heute erhalten:
  • Ein Geigenbauer war der Auffassung, das Instrument könnte für einen behinderten Musiker umgebaut worden sein.
  • Ein anderer Geigenbauer meinte, die ungarische Geigenbauschule sei generell sehr innovativ gewesen, was die These einer beabsichtigten Neuentwicklung stützt.
  • Der Kontrabass könnte von einem Musiker einer Gruppe gespielt worden sein, die im Gehen musizierte (wie es mit dem Cello oder Bassett üblich war).
Die Abmessungen des Instruments:

Gesamtlänge: 168 cm (158 cm mit kurzem Hals)
Mensur: 93 cm (83 cm)
Korpuslänge: 100 cm
obere Breite: 53 cm
mittlere Breite: 32, 5 cm
untere Breite: 64,5 cm
Zargentiefe: 12 cm (am Halsansatz) bis 17,5 cm (Mittelzargen)

Meine Jazzlehrerin hatte mir übrigens seinerzeit empfohlen, von meinem damaligen Sperrholzbass auf den "wertvollen" Vollholzbass umzusteigen.

Auf Anregung von Herrn Prof. Dalla Torre habe ich meine kleine Bassgeschichte aufgeschrieben. Weiß jemand etwas über mein "ungarisches Unikat"?
Ich würde mich über Hinweise freuen.