ENDE
Montag, 20. August 2018
Silvio Dalla Torre
Gastbeiträge / Allerlei

Francesco Caffi über Domenico Dragonetti

Deutsche Zusammenfassung eines Briefes in venezianischer Sprache von Francesco Caffi an Dott. Tommaso Locatelli vom 20. September 1846:

(von Lisa Ceselli, Berlin)

Caffi, der das "Istituto Filarmonico di Venezia" von dessen Gründung 1811 bis zu seiner Schließung 1816 leitete, schrieb seinem Freund Dottor Locatelli, dem Herausgeber der in London erscheinenden "Gazzetta privilegiata di Venezia", am 20. September 1846 einen Brief. Anlass dazu gab ihm ein am 7. April gleichen Jahres in Erinnerung an den kurz zuvor verstorbenen Domenico Dragonetti in der o.g. "Gazzetta" erschienener anonymer Brief mit dem Titel "Der Venezianische Kontrabassist Domenico Dragonetti". Caffi wollte die darin enthaltenen Ungenauigkeiten zu Dragonettis Lebenslauf korrigieren, da er den Meister persönlich gekannt hatte. Darüber hinaus wollte er Dragonettis Spielkunst und seinen künstlerischen Werdegang genauer darstellen.

Caffi widerspricht der durch den Brief vermittelten Aussage, Dragonetti sei - als gebürtiger Venezianer - erst während der Londoner Jahre zu seiner wunderbaren Kunst gelangt. Die Wahrheit sei, dass Dragonetti diese bereits aus Venedig mitgebracht habe. (Caffis Stolz auf die Venezianischen Künstler, also seine eigenen Landsleute, weist deutlich auf das damalige Klima in Italien vor der Einigung 1861 hin.)

Caffi erkennt in Dragonetti eine einmalige Verbindung von moralischen und physischen Gaben. Er habe eine ausserordentliche Sensibilität für Musik (espressione, genio, maniera, buon gusto) besessen und eine ungeheure linke Hand ("mano mostro"), die mit einer erstaunlichen Kraft versehen gewesen sei "wie der Schraubstock eines Schmiedes". Die Finger seien "so lang, so dick und so flink" gewesen, "dass alle fünf, auch der gebeugte Daumen, über das lange Griffbrett (des Violone) gleiten und dabei jeweils einen Ton erzeugen konnten". Die anderen Kontrabassisten hätten sich darauf beschränkt, "mit weniger Kraftaufwand einen Ton mit dem Zeigefinger und einen mit den anderen drei Fingern (mit allen dreien zusammen) zu spielen." Dragonetti habe durch seine Spieltechnik den Beinamen des "Paganini de’ contrabbassi" zu Recht verdient gehabt.

Caffi schreibt Näheres über die Einrichtung von Dragonettis Violone und über das Schicksal dieses Instrumentes. Er berichtet weiterhin von Dragonettis künstlerischem Beitrag in der "Cappella Ducale di S. Marco" und im Orchester "La Fenice" und erwähnt dessen Duo-Konzerte mit Viotti. Caffi äußert schließlich Zweifel an der Authentizität der von Dragonetti angeblich geschriebenen Konzerte und Solostücke sowie an dem Bestehen einer Methode für den Kontrabass, die er verfasst haben soll. Seines Wissens sei Dragonetti zwar ein erstaunlicher Spieler gewesen - er habe seine "passi di bravura" wunderbar improvisieren können - aber der Kunst des Notenschreibens nicht mächtig. Für die Arrangements habe er nachweislich auf die Hilfe anderer venezianischer "maestri" zurückgegriffen.