ENDE
Mittwoch, 18. Oktober 2017
Silvio Dalla Torre
Hochschule Kontrabass-Kaleidoskop Kurse - Rostocker Kontrabass-Workshop  · Eindrücke 2011  · Eindrücke 2005

Eindrücke 2005

Reinhold Grassl, Regensburg:

Vom 05. – 09. September 2005 fand in der
HMT Rostock ein Kontrabass-Workshop statt, zu dem Prof. Silvio Dalla Torre eingeladen hatte.

Für den Kurs stand der Kammermusiksaal der Hochschule zur Verfügung. Die Gruppengröße war mit insgesamt 9 Teilnehmern plus Korre-
petitorin optimal. Jeder Teilnehmer hatte einen eigenen Übungsraum zur Verfügung - also hervorragende Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Arbeiten.

Vom täglichen Einzel- und Gruppenunterricht
bis zur freien Impovisation mit 10 Kontra-
bassisten
(wann bietet sich hierzu schon mal Gelegenheit?) war das Angebot sehr reichhaltig. Regelmäßig bestand die Möglichkeit, das Erlernte in Konzerten, die auf Video aufgenommen wurden, vor den übrigen Teilnehmern zu zeigen und sich in der konzertanten Situation zu üben, um sich dann später auf Leinwand selbst in Aktion zu sehen und gemeinsam kritisch zu analysieren.

Als Jazz-Bassist, der an einem Workshop für klassischen Kontrabass teilnahm, wußte ich zunächst nicht, worauf ich mich einließ. Erfreulicherweise gab es noch einen zweiten Vertreter des Jazz-Lagers. Daraus hat sich die Möglickeit ergeben, einige Jazz-Bass-Duette zu erarbeiten, die wir im Rahmen der Teilnehmerkonzerte aufführen konnten. Durch unsere beiden unterschiedlich gestimmten Bässe (Quart- und Quintstimmung) harmonierten die Bass-Duos erstaunlich gut. Vielleicht ein Anstoß für ein neues Projekt?

Zur Auflockerung gab es Anschauungsunterricht zur Vier-Finger-Technik durch Videoaufnahmen des Jazz-Bass-Virtuosen Niels-Henning Ørsted-Pedersen.

Ich möchte kurz erläutern, warum ich die achtstündige Bahnfahrt mit Kontrabass auf mich genommen habe, um an dem Rostocker Workshop teilzunehmen. Mich interessierte vor allem die Vier-Finger-Technik in Verbindung mit der Quintstimmung, wie sie Silvio Dalla Torre auf seinem Bassetto praktiziert. Seit ca. eineinhalb Jahren spiele ich diese Kontrabass-Stimmung, die lange Zeit als sehr schwer spielbar galt, weil sie mit der herkömmlichen (Simandl)-Technik zu weite Wege und damit häufige Lagenwechsel erfordert. Mir wurde schnell klar, dass eine Lösung der Spielprobleme nur im Gebrauch aller vier Finger liegen kann. Dieser wird aber in den unteren Lagen unmöglich, wenn man die Systematik der Simandl-Technik beibehält: Einhalten der Lagenspannung, Liegenlassen aller vier Finger in ihrer jeweiligen Position usw. In Internet-Foren kann man immer wieder lesen, dass die Ansicht über die angebliche Nichtspielbarkeit der Quintstimmung für Musiker mit normal großen Händen weit verbreitet ist und dass nur solche mit überdimensionalen "Pranken" die Stimmung meistern könnten.

Die Vier-Finger-Technik, wie sie Dalla Torre unterrichtet, ist im Grunde das krasse Gegenteil der herkömmlichen Spielweise. Es greift dabei immer nur ein Finger den jeweis zu spielenden Ton, während die anderen Finger sich entspannen. Die Lagenspannung wird also überflüssig. Der Finger wird kurz vor dem Aufsetzen auf das Griffbrett hochgehoben (=Anspannung), wodurch er sich bei der Abwärtsbewegung schon wieder lockert und im entspannten Zustand den Ton greifen kann.

Dalla Torre nennt dies "den Finger innervieren", im Workshop-Sprachgebrauch haben wir es einfach als "Vorladen" bezeichnet. Jeder Finger kommt quasi "aus der Luft". Im Grunde das Gesetz der natürlichen Bewegung: Auf Anspannung folgt Entspannung. Der Finger findet die richtige Position ganz alleine, wenn die Intonation im Kopf durch die klare Vorstellung des Tones stattfindet.

Bei Diskussionen haben wir festgestellt, dass ein Anfänger auf dem Instrument die nicht gebrauchten Finger vom Griffbrett wegstreckt, es also es intuitiv richtig macht.

Die Schnelligkeit wird dadurch nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil, das Spiel wird flüssiger und homogener. Auch der Klang profitiert. Da sich der einzelne Finger optimal auf die jeweilige Position einstellt, werden Tongestaltung und Intonation verbessert.

Soweit meine Erkenntnisse und Eindrücke vom Workshop.

Die weite Reise von Regensburg nach Rostock hat sich gelohnt. Nicht nur, weil’s was zu lernen gab, sondern auch weil ich überaus nette Kontrabassistinnen und Basser kennen lernen durfte. Leider blieb ausser den abendlichen Kneipenbesuchen nur wenig Zeit, Rostock zu erkunden. Schade bei dem herrlichen Herbstwetter!

Komme nächstes Jahr wieder.

Grüße

Reinhold



Sven Hinse, Berlin:

Nachdem ich, angeregt durch die Feldenkrais-Methode, schon seit einiger Zeit mit der Vier-Finger-Technik der linken Hand experimentiert hatte, stieß ich auf die Website von Silvio Dalla Torre, der dort u.a. einen Workshop zu seiner Methode in Rostock anbot. Mein Entschluss war schnell gefasst: da muss ich hin! Sein Konzept für die linke Hand ist einfach, aber effektiv: es gibt nur einen aktiven Spielfinger. Eine Unterstützung durch die anderen Finger ist nicht nötig, da sie, genauso wie z.B. beim Klavierspiel, nicht die ganze Zeit die Lagenspannung halten, sondern in fließender Beweglichkeit den Tönen entgegen schwingen. Das Konzept ist gut durchdacht, es gibt einfache und effektive Übungen für jedes Detail, übrigens auch für die Bogentechnik. So konnte ich schon in den wenigen Workshop-Tagen Verbesserungen feststellen. Mich hat der Kurs angespornt, die Experimente, (die jetzt ja eigentlich keine mehr sind) mit der Vier-Finger-Technik fortzusetzen. Nicht nur, weil ich technische Tipps bekommen habe, sondern vor allem auch, weil ich bei Silvio Dalla Torre und seinen Studenten gesehen und gehört habe, wie gut diese Technik funktioniert und sehr musikalisch eingesetzt wird. Jetzt, nach weiteren vier Wochen Üben, finde ich das Spielen mit vier Fingern tatsächlich bereits einfacher als mit der traditionellen Technik. Praktischerweise vereinfacht es auch die Lagenwechsel, wahrscheinlich weil die Hand auch innerhalb der Lagen immer in Bewegung ist. Nebenbei habe ich an den Vorspielabenden einiges aus der klassischen Kontrabassliteratur kennen gelernt, was auch durchaus inspirierend war. Alles in allem war es eine arbeitsreiche, intensive und anregende Woche. Dafür möchte ich mich auf diesem Weg noch einmal bedanken.

Sven