ENDE
Freitag, 28. Juli 2017
Silvio Dalla Torre
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Vier-Finger-Technik

Domenico Dragonetti war der erste, der nachweislich alle vier Greiffinger einschließlich des Daumens in allen Lagen benutzt hat. Francesco Caffi, der zeitgenössische Be-
obachter seiner Spieltechnik, schrieb darüber
im Jahre 1846: "Seine Hand ist mit so langen,
so dicken, so flinken Fingern versehen, daß
alle fünf, auch der gebeugte Daumen, über
das große Griffbrett gleiten und dabei jeweils
einen Ton erzeugen. Schließlich wurde diese
Hand mit Fleiß seit den Jugendjahren geübt,
also dann, wenn die große Weichheit und Biegsamkeit der Nerven den Fingern ermöglicht, sich daran zu gewöhnen, mit Sicherheit und mit Sprüngen zu laufen und über die Schwierigkeit der geforderten Schritte zu siegen. Diese Erläuterung ist notwendig, um zu wissen, warum Dragonetti einzigartig war, als "Paganini de’ contrabbassi" bezeichnet wurde und die Parts der Violine spielen konnte. Klar ist, daß jemand, der auf jeden einzelnen Finger zurückgreifen kann, um jeweils einen Ton mit festem Anschlag und Gewandtheit auch auf dem riesigen Griffbrett des Violone zu erzeugen, ebenfalls alle und dieselben Mittel zur Verfügung hat wie der Geiger auf seinem engen Griffbrett. Er kann auf dem Violone auch dessen Part spielen, genau so wie es Dragonetti unter weltweitem Erstaunen zu tun pflegte, und nicht wie alle anderen Kontrabassisten, die sich darauf beschränkten, mit weniger Kraftaufwand einen Ton mit dem Zeigefinger und einen mit den drei anderen Fingern zusammen zu spielen." (Caffi meinte damit den sogenannten "Faustgriff".)

Zwar wird heute der Faustgriff von ambitionierten Kontrabassisten nicht mehr angewandt, dennoch ähnelt das Simandl-System diesem insofern, als dass auch dabei die Mobilität der einzelnen Finger eingeschränkt wird. Diese Einschränkung wurde allerdings -wider besseren Wissens- zur Grundanforderung erhoben und oft als "Bewegungsökonomie" bezeichnet. Fast jeder Kontrabassist hat irgendwann gelernt, die Finger nicht weiter aufzuheben als unbedingt nötig. Deswegen kann man sich heute nur noch schwer vorstellen, wie die Benutzung aller vier Finger der linken Hand beim Kontrabass-Spiel zu bewältigen sein soll. Man geht nämlich davon aus, dass jeder Finger jederzeit die Nachbartöne der eingenommenen Lage erreichen können muss. Dies zeigt sich immer wieder in Diskussionen, bei denen im Zusammenhang mit der Vier-Finger-Technik auf die dafür angeblich erforderlichen "Riesenhände" bzw. ein "Riesen-Ausstrecken der Finger" hingewiesen wird. Natürlich kannte weder Simandl noch Caffi, der ja auch auf Dragonettis "mano mostro" (Monsterhand) verwiesen hatte, die physiologischen Zusammenhänge und die sportmedizinischen Erkenntnisse, die man in neuerer Zeit gewonnen hat.

Daher muss man, wenn man sich mit dem Vier-Finger-System beschäftigen möchte, zuerst die Vorstellung der "Lagenspannung" aufgeben. Denn natürlich ist es unmöglich, zumindest in den unteren Lagen, alle vier Greiffinger gleichzeitig im Halbton-Abstand aufzusetzen. Der Ansatz für die Vier-Finger Applikatur ist allerdings auch ein völlig anderer:

1. Jeder Finger nimmt zu jeder Zeit die optimale Position ein.

2. Die nicht greifenden Finger sind stets maximal zu entspannen.

3. Die Intonation wird durch die Tonvorstellung im Kopf und die daraus resultierenden "Befehle" an die Finger gesteuert und nicht durch eine fixierte Lagen-Spannung.

4. Voraussetzung dafür ist eine größtmögliche Flexibilität der Finger einschließlich des Daumens sowie aller beteiligter Gelenke ("Fließende Beweglichkeit").

5. Der Daumen spielt eine besondere Rolle, weil er als Drehpunkt dient, um den herum eine weite Fingerstreckung ohne Lagenwechsel möglich wird ("Pivoting").

Bei Beherrschung dieser Grundtechniken ist die Vier-Finger-Spielweise ohne Einschränkung möglich, also auch für Spieler mit kleinen Händen. Die Vorteile des Systems liegen auf der Hand:
  • Entgegen einer weitverbreiteten Vorstellung wird die saubere, harmonische Intonation vereinfacht.
  • Der Klang wird verbessert, weil der jeweilige Spielfinger mehr Kontakt zum Griffbrett hat. 
  • Es sind wesentlich weniger Lagenwechsel erforderlich, da mehr Töne pro Lage zur Verfügung stehen.
  • Die Lagenwechsel selbst werden vereinfacht, weil der Finger und nicht die Hand oder der Arm dem Zielton entgegen geht und weil eine "Lagenspannung" völlig entfällt.
  • Bei der Wahl des Fingersatzes sind echte musikalische Alternativen gegeben. (Bisher musste man nicht selten auf den einzig "funktionierenden" Fingersatz zurückgreifen.)
  • Dem musikalischen Gebot der Phrasierung kann in sehr viel höherem Maße entsprochen werden.
  • Es werden mit der Simandl-Technik nicht spielbare Doppelgriffe wie Sekunden und Sexten ermöglicht.
  • Das gesamte Spiel hat wesentlich mehr Freiheit.
Ich bin davon überzeugt, dass die Vier-Finger-Applikatur auch beim Kontrabass-
Spiel das System der Zukunft ist (in Kombination mit der "Nouvelle Technique") und auf lange Sicht die Simandl-Spielweise ablösen wird. Bereits heute zeichnet sich diese Tendenz ab. Vor allem in den USA wird die Technik, zumindest in Koexistenz mit dem traditionellen System, mehr und mehr gelehrt (unter anderem an der American School of Double Bass, an der Illinois State University,
an der Valdosta State University). In Deutschland unterrichtet der Amerikaner Michael Wolf die Methode seit vielen Jahren an der Berliner Universität der Künste.)

Unabhängig davon können Kontrabassisten, die bei der Drei-Finger-Technik bleiben möchten, von den neueren physiologischen Erkenntnissen profitieren,
weil sie jedem Fingersatz-System zugute kommen.