ENDE
Dienstag, 12. Dezember 2017
Silvio Dalla Torre
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Meinungen

Prof. Gerhard Mantel, Frankfurt:

Anläßlich eines Seminars an der Musikhochschule Rostock hat mir Herr Prof. Silvio Dalla Torre ausführlich sein System vorgestellt, in dem er die Haltung, die Applikatur und den Bogen des Kontrabasses neu definiert. Es stellte sich heraus, dass viele Punkte in Herrn Dalla Torres System in Richtung auf eine natürliche, dem Körper und vor allem der Hand entsprechende Methodik zielen, die ich
selbst in meiner Cello-Methodik mit großem Nachdruck vertrete.

Er wendet seine Technik sowohl auf dem traditionellen Kontrabass an als auch auf dem von ihm wiederentdeckten "Bassetto". Bei diesem Instrument, das Herr Dalla Torre neben dem Kontrabass für seine Untersuchungen verwendet, werden die Saiten in Quinten gestimmt. Dies erlaubt (oder, je nach Standpunkt, erzwingt) eine Applikatur, die sich dem Cellospiel annähert. Der 3. Finger, der Ringfinger, wird dabei in das chromatische Spiel integriert. Bei dem "klassischen", von Franz Simandl eingeführten Spiel und dessen Lehrmethoden wird dieser Finger weitgehend ausgeklammert.

Es wird als Gegenargument gegen diese Methode gelegentlich angeführt, dass die Hand nicht groß genug sei, um in chromatischer Folge wie auf dem Cello zu spielen. Es ist zwar richtig, dass keine Hand groß genug ist, um auf dem Kontrabass vier chromatische Töne in der Hand gleichzeitig auf ihre Plätze zu setzen. Dies ist allerdings auch in keinem denkbaren Fall wirklich notwendig. Auch jeder gute Cellist setzt die Finger nicht nach einer starren Orientiertheit auf dem Griffbrett auf, sondern nach den bewegten Gegebenheiten eines sich dauernd verändernden Spiels. Hand und Arm sind immer in Bewegung, schon aus Gründen ihrer Sensibilisierung.

Dies bedeutet, dass ein Finger, der nicht gebraucht wird, sich sofort entspannt und dabei entweder die Saite verläßt oder auf der Saite einen Platz einnimmt, der einer entspannten Hand, nicht aber einer fiktiven "Tastatur" entspricht. Die Gliederung der Töne (auf dem Kontrabass und dem Cello in chromatischer, auf der Violine in diatonischer Folge) findet in der Vorstellung statt, nicht in einer angespannten Voreinstellung von Hand und Fingern.

Dies trifft selbst bei der Violinapplikatur zu, wo die Finger ja wegen der kleineren Abstände im Prinzip liegen bleiben können. Trotzdem spielen Spitzengeiger gewissermaßen "Klavier", um die Hand in jedem Moment nach dem Krafteinsatz des Aufsatzes wieder zu entspannen und darüber hinaus auch bei absteigenden Tonfolgen für jeden Fingeraufsatz einen vergleichbaren (Perkussions-) Impuls zu erzeugen, der den Spielfinger selbst innerviert, also effizienter ist und viel deutlicher empfunden wird als nur das Aufheben des oberen Nachbarfingers.

Wie mir Herr Dalla Torre im historischen Rückblick versichert, dürften alle großen Kontrabassisten und Kontrabass-Komponisten der Wiener Klassik diese Methode verwendet haben, die ja viel weniger Lagenwechsel erfordert als die seit Simandl gegen Ende des 19. Jahrhunderts gebräuchliche Applikatur. Bei dieser Spielweise (nach Simandl) sind nur jeweils zwei aufeinanderfolgende Töne in einer Lage spielbar, wodurch natürlich viel mehr Lagenwechsel nötig sind, die keine musikalische Funktion haben.

Ich möchte dem Projekt von Herr Dalla Torre meine volle Unterstützung angedeihen lassen. Es ist bei uns Musikern immer sehr schwierig, fest eingefahrene Geleise zu verlassen und neue Wege auszuprobieren. Dazu gehört im übrigen auch das Experimentieren mit Klangvarianten durch einen schwereren Bogen, der den Gegebenheiten von Masse, Länge und Dicke der Kontrabass-Saiten Rechnung trägt.

Bei der großen individuellen Unterschiedlichkeit von körperlichen Konstitutionen und Lern-Biographien ist es immer faszinierend, Alternativen zu begegnen anstatt einer starren Schulmeinung ausgeliefert zu sein. Schon allein dafür gebührt Herrn Dalla Torre Dank und Ermunterung.