ENDE
Donnerstag, 30. März 2017
Silvio Dalla Torre
Bassetto historisch Mein Bassetto - Mein Bassetto I - Mein Bassetto II - Mein Bassetto III Bassetto in der Praxis

Mein Bassetto II

August 2005 Seit meiner Wiederentdeckung
der Quintstimmung G-D-A-E bin ich vom "Bassetto-Virus" befallen. Dieser trieb mich an, weitere Forschungen anzustellen. Was haben diese ergeben?

NEUE BELEGE
1 - Sowohl der an anderer Stelle bereits mehrfach erwähnte Dr. Nicolai als auch Josef Fröhlich, Privatdozent für Musik-
geschichte, beschrieben Anfang des 19. Jahr-
hunderts die Kontrabass-Stimmung G-D-A-E.
Bei Nicolai heißt es: "Die kleinsten Kontra-
bässe sind die sogenannten Halb-Violons, oder
deutsche Bässe. Sie werden gestimmt wie
die Violine: g,d,a,e und sind jetzt nur noch an kleinen Orten bey Tanzmusik gebräuchlich". Fröhlich übernahm diese Formulierung fast wortwörtlich in der zweiten Auflage seines Werkes, dessen Titel man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte: "Vollständige theoretisch-praktische Musikschule für alle beym Orchester gebräuchlichen wichtigeren Instrumente zum Gebrauch für Musicdirectoren-Lehrer und Liebhaber systematisch, mit Benutzung der besten bisher erschienenen Anweisungen bearbeitet von J. Fröhlich, Professor und Director des Musik-Instituts an der großherzoglichen Universität zu Würzburg."

2 - Nicht nur Alfred Stelzner, Léo Sir und Carleen Hutchins haben an einem "Cello-Bass" gearbeitet (siehe Cellone und Sous-Basse). Es gab immer wieder (und gibt auch heute) Versuche, neue Instrumente zu etablieren, um die Lücke zwischen Violoncello und Kontrabass zu schließen. Einer davon war die Erfindung des "Bordicor" durch P. J. Bordier. Leider geht aus dem mir vorliegenden Bericht die genaue Jahreszahl dieser Erfindung nicht hervor, sie dürfte aber etwa Ende des 19. Jahrhunderts gemacht worden sein. Bordier schrieb über sein Instrument:

Paul Jean Bordier (1826-1909)mit seinem "Bordicor"
"Der Bordicor ist eine große Violine, die 2 Oktaven tiefer und wie diese auf G-D-A-E im Kontrabass-Register gestimmt ist. Mit der E-Saite gewinnt das Instrument, das einerseits eine Quarte tiefer spielen kann als das Cello, andererseits aber mit viereinhalb Oktaven den Tonumfang der Violine hat, eine unvergleichliche "Chanterelle". Die Saite erzeugt durch ihre hohe Spannung einen Klang mit außergewöhnlicher Tragfähigkeit, der sich im Orchester mit dem 
des schweren Blechs messen kann."

Bordiers Instrument hat sich trotz seiner offensichtlichen Qualitäten nicht durch-
setzen können. Das hat sicher auch daran gelegen, dass es mit seiner Länge von
ca. 2,30 m und einer Form, die der des Harfen-Resonanzkörpers ähnlich war, ein Kuriosum dargestellt hat. 

NEUE FRAGEN
1 - Nach der Produktion der CD Songs, Chansons, Elegies habe ich "mein" Bassetto in Konzerten und Demonstrationen dem Konzertpublikum sowie der Presse vorgestellt (in Gegenüberstellung zum traditionellen Kontrabass). Dabei wurde immer wieder die Frage gestellt, welches der beiden Instrumente denn nun das Bassetto sei. Dies machte mir deutlich, dass es Nicht-Musikern schwer zu vermitteln ist, dass zwei unterschiedliche Instrumente gleich aussehen können. Zwar wurde der Klangunterschied eindeutig erkannt, doch wurde als Manko be-
trachtet, dass das Bassetto äußerlich nicht vom Kontrabass zu unterscheiden ist.

2 - Außer von der Firma Velvet bekam ich auch von der Firma Pirastro speziell angefertigte Saiten zur Verfügung gestellt. Trotz sehr guter Klangeigenschaften war ich immer noch nicht vollständig zufrieden, was die tonliche Ausgeglichen-
heit anbelangt. Diese ist offensichtlich mit der Stimmung G-D-A-E bei einer Kontrabass-Mensur von 105 cm nur schwer zu erreichen.

3 - Mit den neuen Möglichkeiten stiegen auch meine Ansprüche, sowohl was mein eigenes Spiel als auch was die Auswahl der Stücke anbelangt. Auch in dieser Hinsicht tendierte ich zu einer kleineren Mensur.

NEUE ANTWORTEN?
Ich hielt Ausschau nach einem historischen "Halbbass". Tobias Festl von der Firma World
of Basses
hat einen solchen für mich gefunden und für meine Versuche zur Verfügung gestellt. Das Instrument ist eine Arbeit von Johann Georg Thumhardt (Ende 18. Jahrhundert)
mit einer schwingenden Saitenlänge von 94 cm. In Konzerten und Aufnahmen werde ich nun Erfahrungen damit sammeln und diese dann auswerten.

ERFAHRUNGEN
Januar 2006 "World of Basses" gewährte
mir ausgiebig Gelegenheit, Johann Georg Thumhardts Instrument zu testen. Das habe ich
in verschiedenen Räumen und Spielsituationen getan und kam zu folgenden Schlüssen:


  • Die kleine Mensur bringt weniger Vorteile, als ich dachte.
  • Der Wechsel zwischen Bassetto und Kontrabass wird durch unterschiedliche Saitenlängen erschwert.
  • Der Klang des kleinen Basses ist fein, aber klein. Für solistisches Spiel kann er sich nicht genügend durchsetzen.
  • Die unteren Saiten klingen nicht "bassig" genug, es fehlt an Tiefe. Diese ist mir jedoch wichtig, weil ich einen klaren, vollen Bassklang erzeugen möchte.
WEITERE ÜBERLEGUNGEN
  • Ganz offensichtlich ist die Bauweise in Gambenform (mit flachem Boden) weniger effektiv als die in Violinform (mit gewölbtem Boden).
  • Die Saitenlänge von 94 cm ist zu kurz.
  • Der Korpus des erprobten Instruments ist zu klein.
  • Tiefe Zargen führen - entgegen der verbreiteten Meinung - nicht zu einer Erhöhung der Lautstärke.
Ich benutze den Kontrabass für Orchester- und Kammermusik sowie überwiegend für originale Solostücke. Mit meinem Bassetto möchte ich neben Bearbeitungen, die auf dem Kontrabass nicht oder nur schwer realisierbar sind, vor allem neue Kompositionen spielen. Deswegen könnte sich das Instrument nicht nur optisch, sondern auch im Klangcharakter deutlich unterscheiden.

Inzwischen war mir klar geworden, dass ich eigene Wege beschreiten sollte. Obwohl meine Entdeckung der historischen Stimmung G-D-A-E zu meinen Versuchen geführt hat, bin ich an keine Tradition gebunden, da solistisches Spiel auf einer quintgestimmten "Bassgeige" mit Sicherheit neu ist. Also sollte das Instrument auch dem Verwendungszweck entsprechend beschaffen sein. 

NEUBAU
Mit historischen kleinen Bässen kam ich nicht weiter. Daher entschied ich mich
für einen Instrumentenneubau. (Weiter siehe Mein Bassetto III)