ENDE
Mittwoch, 28. Juni 2017
Silvio Dalla Torre
Bassetto historisch Mein Bassetto - Mein Bassetto I - Mein Bassetto II - Mein Bassetto III Bassetto in der Praxis

Mein Bassetto I

Februar 2005 
Der große Universalgelehrte der Renaissance, Athanasius Kircher (1602-1680)
Athanasius Kircher
(1602-1680):
Chelys major - Violone
hat in seiner bedeutenden musiktheoretischen Schrift "Musurgia Universalis" (1650) die Stim-
mung des Kontrabasses (Violone) mit G-D-A-E (zwei Oktaven unter der Violine) angegeben. Kircher beschrieb den Violone als das Bass-
instrument der Violin-Familie, während er die sechssaitige "Chelys hexachorda" (in Quart-
Terz-Stimmung) als Gamben-Bass definierte.

Manche Experten haben die Beschreibung des
in Quinten gestimmten Kontrabasses für einen Irrtum Kirchers gehalten. Sie waren davon ausgegangen, dass er die Bezeichnung "Violone" mit "Violino" verwechselt hatte. Neuere For-
schungen haben aber ergeben, dass "in Rom ein Baß-Violon [gebaut worden] ist, dessen größte Saite aus 200 Därmen gemacht ist." (Andreas Hirsch, 1662) Ein weiteres Indiz, das gegen einen Irrtum Kirchers spricht, ist die Abbildung eines mannsgroßen Kontrabasses in seinem
Werk "Phonurgia nova" (1673). Diese faszi-
nierenden Informationen sowie folgende Überlegungen führten zu meiner intensiven Beschäftigung mit dem außergewöhnlichen Instrument:

  
  • Das Resonanzverhalten der in Quinten gestimmten Streichinstrumente Violine, Viola und Violoncello ist deutlich günstiger als das des quartgestimmten Kontrabasses.
  • Physikalisch-akustische Untersuchungen haben ergeben, dass der Kontrabass eigentlich zu klein ist im Verhältnis zu den tiefsten damit erzeugbaren Frequenzen. Der Umkehrschluss daraus ist, dass die Verhältnisse bei höheren Frequenzen günstiger sein müssten.
  • Der auf Fis-H-E-A gestimmte Solokontrabass mischt sich nicht gut mit den anderen Streichinstrumenten.
  • Gegenüber dieser Stimmung würde man mit der G-D-A-E Stimmung im Tonumfang nach unten nur einen Halbton verlieren, nach oben aber eine Quinte gewinnen.
  • Jahrhundertelang war die tiefste Saite von Kontrabass-Instrumenten auf Kontra-G gestimmt (z.B. beim "G-Violone").
  • Modernes Solospiel auf dem Kontrabass spielt sich zum größten Teil auf der ersten Saite ab, was für Phrasierung und Intonation nachteilig ist.
  • Der Tonumfang des in Quarten gestimmten Kontrabasses ist nach oben hin zu begrenzt. Oberhalb des d′ (klingend) ist das Klangspektrum aufgrund der stark verkürzten Saite unbefriedigend.
  • Der Hauptgrund, den Kontrabass in Quarten zu stimmen, nämlich die Vermeidung allzu häufiger Lagenwechsel, entfällt mit der Vier-Finger-Technik.
  • Transpositionen von Werken, die für quintgestimmte Streichinstrumente geschrieben worden sind, sind in der Regel mit der Quartstimmung schwer ausführbar.
  • Die Stimmung G-D-A-E würde das Continuo-Spiel sowohl in der 16-Fuß- als auch in der 8-Fuß-Lage ermöglichen.
  • Die Lücke zwischen Violoncello und Kontrabass könnte geschlossen werden.
  • Mit der Quartstimmung unspielbare Doppelgriffe wie große Sexten und Septimen würden mit der Quintstimmung ausführbar werden.

Anfangs verwendete ich meinen gewöhnlichen 3/4 Kontrabass als Bassetto. Dieser wurde 1720 von Giovanni Grancino gebaut.
Zunächst hatte ich folgende Schwierigkeiten zu überwinden:

1 - Zwar konnten die Saiten G, D und A aus dem verfügbaren Angebot zusammengestellt werden (G: Solosaite Fis einen Halbton höher gestimmt, D: aus dem Orchestersatz, A: aus dem Solo-
satz), allerdings existierte auf dem Markt keine hohe E-Saite. Glücklicherweise konnte ich die innovationsfreudige Schweizer Firma Velvet Strings für meine Idee gewinnen. Sie stellte mir eine solche Saite zur Verfügung, die nach einigen Testreihen noch verbessert werden konnte. Velvet wird bald in der Lage sein, einen kompletten Satz gut aufeinander abgestimmter Saiten in der Stimmung G-D-A-E in ihr Angebot aufzunehmen.

2 - Es musste eine neue, gut lesbare Notation gefunden werden, weil der Tonraum des Instruments mit viereinhalb Oktaven (gegriffen) erheblich größer ist als der des quartgestimmten Kontrabasses. Nach einigen Versuchen hat sich für mich die Notation im Tenor- und Violinschlüssel (oktavierend) als die beste erwiesen.

3 - Die sehr tiefsitzende Lese- und Greiferfahrung (immerhin lagen bereits 20 Jahre Orchestertätigkeit hinter mir) musste ausgeblendet werden, um eine völlig neuartige Grifftechnik zu lernen. Wegen der Fixierung auf die Quartstimmung hat sich dies als der hartnäckigste Widerstand erwiesen.

Heute sind diese Anfangsprobleme bewältigt und ich bin in der Lage, sowohl den quart- als auch den quintgestimmten Kontrabass zu spielen.

Zwar handelt es sich bei dem "neuen" Instrument um einen gewöhnlichen Kontra-
bass durchschnittlicher Größe, jedoch hat dieser eine ganz andere Klangcharak-
teristik und erfordert eine modifizierte Spielweise. Deswegen habe ich mich entschieden, dafür einen neuen Begriff einzuführen. Die historische Instrumenten-
bezeichnung Bassetto schien mir geeignet, weil dadurch sowohl die Ähnlichkeit mit dem Kontrabass, aber auch die Verschiedenheit von ihm zum Ausdruck kommt.

Lesen Sie von der weiteren Entwicklung in der Rubrik Mein Bassetto II